Die Idee
Es war an einem grauen Tag im November 1949. Mit gesenktem Kopf hockte ich am Küchentisch und philosophierte über die Ungerechtigkeiten des Lebens. Das letzte Heft meiner fertigen Hausaufgaben hatte ich bereits zurück in die Schulmappe gestopft – jetzt galt es nur noch die Radiergummikrümel mit angeleckten Fingerspitzen aufzupicken. Ich schnippte sie fort in Richtung Kohleneimer und sah nun Tisch und Nachmittag gleichermaßen blank vor mir liegen.
Nach einem Seufzer atmete ich tief ein und da blitzte sie auf, DIE IDEE: Ich überrasche meine Klassenkameradin Dorette.
Dorette wohnte nur vier Katzensprünge entfernt. Bisweilen hatte ich zusammen mit anderen Schülerinnen der 5B eine Schlemmerstunde bei ihr verbracht. Unsere Horde war immer dann bei ihr eingefallen, wenn sie als Gastgeberin dran war bei den reihum veranstalteten Kuchenfressorgien.
Diese beliebten Treffen, als ’Einladungen’ getarnt und von den jeweiligen Müttern nur mit äußerst skeptischer Miene geduldet, waren bei Dorette immer besonders lustig und nett gewesen.
Vielleicht, dachte ich, vielleicht könnte sie meine Freundin werden! Und ich steckte mir drei besonders schöne, apart gezeichnete Glaskugeln aus meiner Schussersammlung in die Manteltasche, um Dorette später mit ihnen zu überraschen.
Das Haus, in dem sie wohnte, war eine vom Krieg gezeichnete, große alte Mietskaserne – mühelos zu finden.
Ich stemmte mich gegen die schwere Haustür, bei der im oberen Teil dicke Pappe eingesetzt war. Knarrend gab sie den Weg frei in einen schlecht beleuchteten, modrigen Innenflur, ein Quadrat. Von Dort zweigten nach rechts und links, durch Pendeltüren getrennt, hohe Treppenhäuser ab. Es zog.
Unter den vielen Namensschildern neben der linken Tür, zu denen nur wenige Klingelknöpfe gehörten, entdeckte ich den gesuchten Namen: Richter: 3 x lang 2x kurz.
Mit geübter Präzision bediente ich den Klingelknopf.
Ich wartete, fröstelte, ich wartete lang.
Endlich tauchte Dorettes jüngere Schwester Christa in der Pendeltüre auf. Ihre Kinderaugen, passend zur hellblauen Schürze mit Volant am Brustlatz, strahlten mich an. „Leonie?“
„Hallo! Ist Dorette da?“
„Warte“, lächelte sie, „Ich muss nachsehen.“ Schon war sie verschwunden.
Ich wunderte mich. Altbauwohnungen waren groß und die Richters wohnten mindestens zu siebt darin, trotzdem ...
Zögernd drückte ich mich durch eine Pendeltürhälfte und folgte Christa langsam mit meinen leisen Kreppschuhen bis in den dritten Stock - wollte ihr den Weg zurück ersparen.
Oben verharrte ich draußen vor der halb geöffneten Wohnungstür.
Im Inneren, aus einem der hinteren Zimmer zum schmalen, langen Flur, zischte Getuschel.
Endlich Christas gereizte Stimme: „Ja und? Was soll ich ihr jetzt sagen?“
„Sag ihr, Ich bin nicht da!“
Mein Atem stockte, Übelkeit stieg in mir hoch.
Leise, ganz leise und schnell hastete ich Stufe für Stufe an der Wand entlang nach unten. Mein Herzschlag rauschte in den Ohren, das Keuchen versuchte ich anzuhalten.
Als die Kleine mit ihrer Nachricht in der Tür auftauchte, hatte ich ein freundliches Gesicht aufgesetzt.
„Schade, aber danke schön, Christa!“
Ich winkte ihr noch einen kurzen Gruß zu und stolperte mit zitternden Knien aus dem Haus, wusste, dass ich es nicht mehr betreten würde.
Draußen riss ich mir die Mütze vom Kopf, Tränen schossen mir in die Augen. Ich stand still. Innerhalb weniger Minuten hatte sich meine Welt verändert. Ich fühlte mich hinausgeschleudert in unbekannte, uferlose Weiten, ein Meer, dessen Wellen über mir zusammenschlugen.
Zuerst, ganz kurz, spürte ich einen Sog in die Tiefe. Dann, als mein Blut anfing, wieder ruhiger zu fließen, durchströmte mich Kraft. Ich tauchte auf aus dem Strudel, mein stakkatoartiges Schnaufen verebbte, ich atmete die feuchte, kühle Luft tief ein, beschloss, einen weiten Umweg zu nehmen, und marschierte forsch los.
Wenige Querstraßen weiter stapfte mir auf dem Gehsteig ein schmächtiges Mädchen entgegen, das mit beiden Händen einen großen, geflochtenen Wäschekorb gepackt hielt. Mühsam schleppte sie ihn vor sich her und keuchte. Ich erkannte Maria aus der Parallelklasse.
Gern wäre ich noch allein geblieben mit mir und meinen Gedanken, hatte auch bisher mit der stillen, blassen Maria nur flüchtig zu tun gehabt. Aber was gab es da zu zögern? „Soll ich dir helfen? Mann, der Korb ist zwei Nummern zu groß für dich. Ich fass mit an.“
Maria hob verblüfft die Augen.
„Leonie? Anfassen? Dich schickt der Himmel!“ Mit einem Seufzer stellte sie ihre Bürde nieder. „Ich hab mich so was von verkalkuliert.“
Zusammen trugen wir leicht an dem Korb mit der frischen Wäsche.
„Für meine Oma. Ist gleich da hinten um die Ecke“, klärte sie mich auf.
„Aha, und du bringst ihr auch noch ein paar Ziegelsteine mit?“
„Nee, aber Zeitschriften!“ Maria lachte und steuerte kurz darauf einen der Eingänge eines großen, grauen Mehrfamilienhauses an.
Marias Oma war die freundlichste Oma der Welt. Um ihren Kopf tanzten lustige weiße Löckchen und auch sie selbst schien zu tanzen, bewegte sich geschmeidig und geräuschlos auf Filzstiefeln durch ihr mit Möbeln voll gestopftes Zimmer. Sie bestand darauf, dass wir beide eintraten und da es köstlich nach Kakao duftete, brauchte sie keine Überredungskunst.
Wir mussten ihr von der Schule, von Mitschülern und Lehrern und von zu Hause erzählen. Sie nickte, hinterfragte oder lobte und wir lachten und schwatzten, ließen uns den Kakao schmecken und strahlten mit Oma um die Wette. Zum Abschied strich sie uns zärtlich über den Kopf.
Lange noch liefen Maria und ich untergehakt durch die nieseligen Straßen, brachten uns zweimal gegenseitig bis vor die Haustür, konnten kein Ende finden, weil wir uns so viel anzuvertrauen hatten.
Endlich bewies Maria, dass sie die Vernünftigere von uns beiden war.
„Leonie, wenn ich jetzt nicht heimgehe, brauch ich da gar nicht mehr aufzukreuzen.“
Ich nickte und grinste, als mir der Ernst meiner eigenen Lage klar wurde. „Dann komm gut nach Hause! Ich glaub’, hier ist’s gerecht - für jeden der halbe Weg.“ Wir sahen uns mit leuchtenden Augen an, bevor wir in entgegen gesetzte Richtungen enteilten.
„Wiedersehen! Bis morgen in der Schule!“ Maria winkte mir noch nach.
„Bis morgen, Maria. Spätestens in der großen Pause ...“
Inzwischen hatte sich in den Straßen Dunkelheit eingenistet, aber in meinem Herzen war es hell und warm und ich wusste, die Zeit der tristen Nachmittage – sie war vorbei.
Nach einem Seufzer atmete ich tief ein und da blitzte sie auf, DIE IDEE: Ich überrasche meine Klassenkameradin Dorette.
Dorette wohnte nur vier Katzensprünge entfernt. Bisweilen hatte ich zusammen mit anderen Schülerinnen der 5B eine Schlemmerstunde bei ihr verbracht. Unsere Horde war immer dann bei ihr eingefallen, wenn sie als Gastgeberin dran war bei den reihum veranstalteten Kuchenfressorgien.
Diese beliebten Treffen, als ’Einladungen’ getarnt und von den jeweiligen Müttern nur mit äußerst skeptischer Miene geduldet, waren bei Dorette immer besonders lustig und nett gewesen.
Vielleicht, dachte ich, vielleicht könnte sie meine Freundin werden! Und ich steckte mir drei besonders schöne, apart gezeichnete Glaskugeln aus meiner Schussersammlung in die Manteltasche, um Dorette später mit ihnen zu überraschen.
Das Haus, in dem sie wohnte, war eine vom Krieg gezeichnete, große alte Mietskaserne – mühelos zu finden.
Ich stemmte mich gegen die schwere Haustür, bei der im oberen Teil dicke Pappe eingesetzt war. Knarrend gab sie den Weg frei in einen schlecht beleuchteten, modrigen Innenflur, ein Quadrat. Von Dort zweigten nach rechts und links, durch Pendeltüren getrennt, hohe Treppenhäuser ab. Es zog.
Unter den vielen Namensschildern neben der linken Tür, zu denen nur wenige Klingelknöpfe gehörten, entdeckte ich den gesuchten Namen: Richter: 3 x lang 2x kurz.
Mit geübter Präzision bediente ich den Klingelknopf.
Ich wartete, fröstelte, ich wartete lang.
Endlich tauchte Dorettes jüngere Schwester Christa in der Pendeltüre auf. Ihre Kinderaugen, passend zur hellblauen Schürze mit Volant am Brustlatz, strahlten mich an. „Leonie?“
„Hallo! Ist Dorette da?“
„Warte“, lächelte sie, „Ich muss nachsehen.“ Schon war sie verschwunden.
Ich wunderte mich. Altbauwohnungen waren groß und die Richters wohnten mindestens zu siebt darin, trotzdem ...
Zögernd drückte ich mich durch eine Pendeltürhälfte und folgte Christa langsam mit meinen leisen Kreppschuhen bis in den dritten Stock - wollte ihr den Weg zurück ersparen.
Oben verharrte ich draußen vor der halb geöffneten Wohnungstür.
Im Inneren, aus einem der hinteren Zimmer zum schmalen, langen Flur, zischte Getuschel.
Endlich Christas gereizte Stimme: „Ja und? Was soll ich ihr jetzt sagen?“
„Sag ihr, Ich bin nicht da!“
Mein Atem stockte, Übelkeit stieg in mir hoch.
Leise, ganz leise und schnell hastete ich Stufe für Stufe an der Wand entlang nach unten. Mein Herzschlag rauschte in den Ohren, das Keuchen versuchte ich anzuhalten.
Als die Kleine mit ihrer Nachricht in der Tür auftauchte, hatte ich ein freundliches Gesicht aufgesetzt.
„Schade, aber danke schön, Christa!“
Ich winkte ihr noch einen kurzen Gruß zu und stolperte mit zitternden Knien aus dem Haus, wusste, dass ich es nicht mehr betreten würde.
Draußen riss ich mir die Mütze vom Kopf, Tränen schossen mir in die Augen. Ich stand still. Innerhalb weniger Minuten hatte sich meine Welt verändert. Ich fühlte mich hinausgeschleudert in unbekannte, uferlose Weiten, ein Meer, dessen Wellen über mir zusammenschlugen.
Zuerst, ganz kurz, spürte ich einen Sog in die Tiefe. Dann, als mein Blut anfing, wieder ruhiger zu fließen, durchströmte mich Kraft. Ich tauchte auf aus dem Strudel, mein stakkatoartiges Schnaufen verebbte, ich atmete die feuchte, kühle Luft tief ein, beschloss, einen weiten Umweg zu nehmen, und marschierte forsch los.
Wenige Querstraßen weiter stapfte mir auf dem Gehsteig ein schmächtiges Mädchen entgegen, das mit beiden Händen einen großen, geflochtenen Wäschekorb gepackt hielt. Mühsam schleppte sie ihn vor sich her und keuchte. Ich erkannte Maria aus der Parallelklasse.
Gern wäre ich noch allein geblieben mit mir und meinen Gedanken, hatte auch bisher mit der stillen, blassen Maria nur flüchtig zu tun gehabt. Aber was gab es da zu zögern? „Soll ich dir helfen? Mann, der Korb ist zwei Nummern zu groß für dich. Ich fass mit an.“
Maria hob verblüfft die Augen.
„Leonie? Anfassen? Dich schickt der Himmel!“ Mit einem Seufzer stellte sie ihre Bürde nieder. „Ich hab mich so was von verkalkuliert.“
Zusammen trugen wir leicht an dem Korb mit der frischen Wäsche.
„Für meine Oma. Ist gleich da hinten um die Ecke“, klärte sie mich auf.
„Aha, und du bringst ihr auch noch ein paar Ziegelsteine mit?“
„Nee, aber Zeitschriften!“ Maria lachte und steuerte kurz darauf einen der Eingänge eines großen, grauen Mehrfamilienhauses an.
Marias Oma war die freundlichste Oma der Welt. Um ihren Kopf tanzten lustige weiße Löckchen und auch sie selbst schien zu tanzen, bewegte sich geschmeidig und geräuschlos auf Filzstiefeln durch ihr mit Möbeln voll gestopftes Zimmer. Sie bestand darauf, dass wir beide eintraten und da es köstlich nach Kakao duftete, brauchte sie keine Überredungskunst.
Wir mussten ihr von der Schule, von Mitschülern und Lehrern und von zu Hause erzählen. Sie nickte, hinterfragte oder lobte und wir lachten und schwatzten, ließen uns den Kakao schmecken und strahlten mit Oma um die Wette. Zum Abschied strich sie uns zärtlich über den Kopf.
Lange noch liefen Maria und ich untergehakt durch die nieseligen Straßen, brachten uns zweimal gegenseitig bis vor die Haustür, konnten kein Ende finden, weil wir uns so viel anzuvertrauen hatten.
Endlich bewies Maria, dass sie die Vernünftigere von uns beiden war.
„Leonie, wenn ich jetzt nicht heimgehe, brauch ich da gar nicht mehr aufzukreuzen.“
Ich nickte und grinste, als mir der Ernst meiner eigenen Lage klar wurde. „Dann komm gut nach Hause! Ich glaub’, hier ist’s gerecht - für jeden der halbe Weg.“ Wir sahen uns mit leuchtenden Augen an, bevor wir in entgegen gesetzte Richtungen enteilten.
„Wiedersehen! Bis morgen in der Schule!“ Maria winkte mir noch nach.
„Bis morgen, Maria. Spätestens in der großen Pause ...“
Inzwischen hatte sich in den Straßen Dunkelheit eingenistet, aber in meinem Herzen war es hell und warm und ich wusste, die Zeit der tristen Nachmittage – sie war vorbei.
haudujudu - 19. Sep, 22:30